Teambuilding: Eine ethnografische Studie zum Verhältnis von Organisation und Disposition im professionellen Volleyball

Sportteams sollen im Training so ausgebildet werden, dass sie in ihren Spielen dauerhaft erfolgreich spielen können. Dabei stehen sie vor dem Problem, dass sich Sportspiele trotz der Vorgaben durch die Spielregeln in einer figurativen Eigendynamik entfalten, die sich in ihrer konstitutiven Handlungsunsicherheit nur bedingt planen und von außen kontrollieren lässt (Alkemeyer, 2009). Aus diesem Grund bleiben Spielgestaltung und -kontrolle ein organisationales Dauerproblem, das ein Team unter Bedingungen höchster Dringlichkeit fortlaufend praktisch zu lösen hat. Vor diesem Hintergrund wurden die Teambuilding- und Ausbildungsprozesse in einem weiblichen Volleyballteam ethnographisch daraufhin untersucht, wie es gelingt, in aufeinander aufbauenden Übungen und Trainingseinheiten einen transindividuellen "Spielsinn" im Sinne eines praktischen Wissens, Könnens und Verstehens auszubilden, der für die Spielfähigkeit einer Mannschaft unerlässlich ist. Eine praxeologische Perspektivierung des Trainings von Sportmannschaften hebt die Bedeutung eines transindividuellen impliziten Wissens und Könnens sowohl in der Organisation des Trainings als auch für die kollektive Spielfähigkeit von Teams hervor. Dieses Wissen ist zwar entscheidend für die praktischen Vollzüge von Training und Spiel, wird jedoch bislang in den weitgehend handlungstheoretisch-rationalistisch ausgerichteten Trainings- und Sportwissenschaften kaum systematisch reflektiert. Zwar setzt sich in den Mannschaftssportarten zunehmend eine Orientierung an Spielsystemen durch, allerdings wird der Spielvollzug überwiegend als ein vom Trainer geplanter und vorgegebener Ablauf rationalisiert, dem sich die Spielerinnen unterzuordnen haben. Damit wird jedoch von der eigendynamischen Entfaltung und Kontingenz einer kollektiven Praxis abstrahiert - mit der fatalen Folge, dass z. B. ein nur aus der Kollektivität des Spiels heraus zu erklärendes Misslingen einzelnen Spielern bzw. Spielerinnen zugerechnet und diese so als autonome Subjekte zur Verantwortung gezogen werden. Eine systematische Reflexion der Relationalität und Körpergebundenheit der sportlichen Praxis könnte dazu beitragen, solche individualistischen Verzerrungen zu vermeiden und den kollektiven Spielvollzug als eine nicht auf die Summe von Einzelaktionen reduzierbare Gesamthandlung im Blick zu behalten; die Potentiale des Kollektivs - und damit das im Team vorhandene, aber nicht bewusst fass-bare implizite Wissen - ließe sich auf diesem Weg besser zur Geltung bringen. Ein relationales Vorgehen ist z. B. im Projekt "NextTrain" des DVV bereits erfolgreich getestet worden. Aufgrund der systemtheore-tischen Ausrichtung auf die sprachliche Kommunikation zwischen den Spielern bleiben hier allerdings die von uns praxistheoretisch fokussierten stummen, körperlichen Dimensionen der Koordination im Spiel unbeachtet. Es wäre vor diesem Hintergrund vielversprechend, die systemtheoretische und die praxistheoretische Perspektive auf das sportliche Spielgeschehen miteinander ins Gespräch zu bringen. (vom Autor übern. gek.)
© Copyright 2018 BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2016/17. Veröffentlicht von Sportverlag Strauß. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft Spielsportarten Sozial- und Geisteswissenschaften
Tagging:Teambildung
Veröffentlicht in:BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2016/17
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Hellenthal Sportverlag Strauß 2018
Seiten:183
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch