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Empirie und Intuition im Leistungssport: Trainingsplanung, Erfahrungswissen und Erkenntnis in einer angewandten Wissenschaft

Der Leistungssport ist ein Handlungsfeld, in dem Entscheidungen unter Bedingungen hoher Unsicherheit getroffen werden müssen. Trainingsplanung, Trainingssteuerung und langfristige Entwicklungsprozesse erfolgen in einem Kontext, der durch individuelle Reaktionsmuster, wechselnde Rahmenbedingungen und eine Vielzahl kaum kontrollierbarer Einflussfaktoren geprägt ist. Gleichzeitig besteht ein hoher Anspruch an Rationalität, Nachvollziehbarkeit und wissenschaftliche Fundierung. Training soll evidenzbasiert sein, Entscheidungen sollen begründet, Entwicklungen erklärbar werden. Diese Spannung zwischen Erkenntnisanspruch und Praxisrealität bildet den Ausgangspunkt dieses Beitrags. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Diskurs im Leistungssport zunehmend zugunsten empirischer Evidenz verschoben. Trainingswissenschaftliche Studien, Metaanalysen und systematische Reviews gelten als zentrale Referenzpunkte professionellen Handelns. Diese Entwicklung ist grundsätzlich zu begrüßen. Sie hat dazu beigetragen, vereinfachende Annahmen zu hinterfragen, methodische Standards zu etablieren und die Qualität sportwissenschaftlicher Argumentation zu erhöhen. Zugleich zeigt sich jedoch eine wachsende Diskrepanz zwischen dem Anspruch wissenschaftlicher Steuerbarkeit und der erlebten Realität des Trainingsalltags. Trainerinnen und Trainer berichten übereinstimmend, dass Trainingsprozesse selten den prognostizierten Verläufen folgen, dass identische Belastungen zu unterschiedlichen Anpassungen führen und dass relevante Entscheidungen häufig unter Bedingungen getroffen werden müssen, die empirisch nur unzureichend abgebildet sind. Diese Diskrepanz ist kein Zufall und kein Ausdruck mangelhafter Wissenschaft oder unzureichender Praxis. Sie verweist vielmehr auf ein grundlegendes epistemisches Problem: Trainingsprozesse im Leistungssport werden zu häufig als lineare, mechanistische Systeme gedacht, obwohl sie in Wirklichkeit hochkomplexe, offene und dynamische Anpassungsprozesse darstellen. Eine solche Fehldeutung führt zwangsläufig zu überhöhten Erwartungen an Wissenschaft, zu einer problematischen Delegation von Verantwortung und zu einer Unterschätzung erfahrungsbasierter Kompetenz. Um das Verhältnis von Empirie und Intuition angemessen zu bestimmen, ist daher zunächst zu klären, was Training als Gegenstand einer angewandten Wissenschaft bedeutet - und welche Art von Wissen im Leistungssport tatsächlich handlungsfähig macht.
© Copyright 2026 39. & 40. Internationales Triathlon-Symposium Münster 2024 / Leipzig 2025. Veröffentlicht von Feldhaus, Ed. Czwalina. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft Theorie und gesellschaftliche Grundlagen
Veröffentlicht in:39. & 40. Internationales Triathlon-Symposium Münster 2024 / Leipzig 2025
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Hamburg Feldhaus, Ed. Czwalina 2026
Schriftenreihe:Triathlon und Sportwissenschaft, 31
Seiten:40-51
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch